Offener Blick: Die Engel vom Bahnhof Zoo

„Mein Blick ist offener geworden. Ich gehe ganz anders auf die Leute zu.“ Die 18-jährige Nina Vanessa Gabriel aus Berlin arbeitet in der Bahnhofsmission am Zoo. Am Wochenende, unter der Woche, und auch während ihrer Abiturzeit hat sie regelmäßig Schichten übernommen.
Bild: Katrin Schwahlen

Die Bahnhofsmission: Ist die nicht für Obdachlose, Alkoholiker und Junkies? Für Leute, die gestrandet sind und keinen Platz mehr haben in der Gesellschaft? Nina Vanessa, Franziska, Julia und Pjotr sehen das anders. Die vier jungen Leute, zwischen 18 und 26, sind ehrenamtliche Mitarbeiter in der Berliner Bahnhofsmission. Für sie sind die Menschen Gäste, die sie unabhängig von Status und Herkunft freundlich bewirten, ihnen zuhören, ihnen helfen. Und ihnen Respekt entgegenbringen. Etwa 8.000 Berlinerinnen und Berliner sind ohne festen Wohnsitz, rund 1.000 von ihnen leben dauerhaft auf der Straße. Viele von ihnen kommen regelmäßig in die Bahnhofsmission.

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„Mein Blick ist offener geworden. Ich gehe ganz anders auf die Leute zu.“ Die 18-jährige Nina Vanessa Gabriel aus Berlin arbeitet in der Bahnhofsmission am Zoo. Am Wochenende, unter der Woche, und auch während ihrer Abiturzeit hat sie regelmäßig Schichten übernommen. Sechs Stunden dauert ein Einsatz. Am Ende eines Tages hat sie mit ihren Kolleginnen und Kollegen 250 Brötchen geschmiert, gut 600 Gäste bewirtet und unzählige Geschichten gehört. “Ich habe gelernt, dass ich Menschen helfen kann, auch durch ein Gespräch.“ 

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Bahnhofsmission ist cool. Meint Franziska Engel. Die 18-Jährige ist erst seit Anfang August Praktikantin in der Bahnhofsmission am Zoo. Jeden Morgen fährt die Fachabiturientin rund 40 Kilometer aus dem brandenburgischen Oberkrämer in die Hauptstadt. “An den ersten zwei Tagen konnte ich schon alles machen, was ich wollte. Ich hab mir die anderen angeguckt, wie die mit den Leuten umgehen. Da hab ich ganz schnell gemerkt, dass alle ganz lieb sind zu den Gästen.” Umgekehrt seien die meisten Gäste ja auch lieb zu ihr. Obwohl: “Ich hab schon erlebt, wenn einer mit ‘ner Behörde telefoniert hat und davon genervt war. Dann hat er mich angemeckert und gesagt, ich komm ins Kinderheim. Ich nehm‘ das aber nicht persönlich. Der kennt mich ja gar nicht. Der sagt das ja nur, weil er genervt von anderen Sachen ist. Das ist nicht so schlimm.”    

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Julia Schwald kommt aus Süddeutschland und hat gerade erst in der Mission angefangen. “Was hier so schön und motivierend ist, dass man direkt das Ergebnis sieht. Wenn man zwei Stunden Stullen geschmiert hat und sie dann rausgibt, und dann sieht, wie das gebraucht wird. Das motiviert. Normalerweise macht man einen Bogen um die Leute, ignoriert sie. Deswegen gibt es ihnen ganz viel, wenn sie wie jeder andere Bürger angenommen werden. Wenn man sie respektiert und freundlich ist.” Die 18-jährige Schwäbin hat schon nach wenigen Tagen gemerkt, dass sich für sie etwas geändert hat. “Ich sehe viel deutlicher, wie schnell es gehen kann, durchs System zu rutschen.”

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Hunger zu stillen ist das Eine. Der persönliche Kontakt das Andere. Franziska und Julia unterhalten sich gerne mit ihren Gästen. Sie wollen wissen, wie es ihnen geht, fragen nach und hören zu. “Und wenn man sich mit einem unterhält, den man schon kennt, dann kommt einer dazu.” Und schon ist man drin im Gespräch. Die beiden merken, dass man mit wenigen Mitteln viel erreichen kann. “Man kann ein Telefonat führen oder den Kontakt mit der Mutter wieder herstellen. Das kostet einen Anruf oder einmal ins Internet schauen. Und schon hat man riesig viel getan für den Menschen.”

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Christian Huge sieht sich als Stamminventar. “Ich wohne seit 18 Jahren in Berlin und bin auch seit 18 Jahren in der Bahnhofsmission unterwegs. Als Nutzer und als Ehrenamtlicher.” Der heute 38-jährige Diplom-Sozialpädagoge arbeitet im Berliner Zentrum für selbstbestimmtes Leben und ist viel unterwegs. Er unterstützt andere Menschen mit Behinderung im Kampf mit Behörden, Ausgrenzung und Anderssein. Zu Hause und bei der Arbeit hat er einen Assistenzdienst, die Bahnhofsmission helfe ihm auf dem Weg dazwischen. Zum Beispiel beim Ein- und Ausstieg am Zug, bei kleinen Toilettengängen oder bei der Suche nach der Lesebrille.

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Morgens zwischen sechs und sieben Uhr wird zum ersten Mal Essen ausgegeben. Kurz vorher werden am Eingang Nummern verteilt, denn es können immer nur etwa 50 Leute zur selben Zeit im Speisesaal Platz nehmen. Zwischen 14 und 18 Uhr gibt es stündlich frische Stullen, die die Ehrenamtlichen am Vormittag zubereitet haben. Und zwischen 22 und 23 Uhr gibt es die letzte Mahlzeit. Dazu werden pro Tag 100 Liter Kaffee und Früchtetee ausgeschenkt.

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Neben der Essensverteilung gehören auch Aufräumen, Saubermachen und die Ausgabe von Kleidung zu den Aufgaben der Praktikantinnen. Das klingt leichter als es manchmal ist. “Einmal kam jemand, der wirklich neue Schuhe brauchte”, erzählt Julia. “Und dann wollte er auch noch ‘ne Hose. Und ‘ne Jacke. Dann zu sagen, das gibt es jetzt nicht mehr, das fällt mir fast am schwersten. Das Neinsagen, wenn die so lieb gucken. Wahrscheinlich ist es tatsächlich die einzige Hose, die er hatte, aber er hatte eine.”

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Pjotr Piotrowski lebt seit seinem dritten Lebensjahr in Deutschland. Der gebürtige Pole kam vor zwei Jahren “als Strafarbeiter” zur Bahnhofsmission. “Ich hab den Führerscheinentzug nicht bezahlen können und die Geldstrafe hier abgearbeitet.” Heute kommt der 26-Jährige bis zu fünf Mal pro Woche in die Jebensstraße. Inzwischen ganz freiwillig und sehr gerne. Seine Dienste als Übersetzer werden sehr geschätzt, denn rund 70 Prozent der Besucher kommen aus Osteuropa. “Am meisten gefällt mir das Dankeschön, das man kriegt. Oder auch manchmal nicht. Die Leute sind, auch wenn sie einen anpöbeln, trotzdem dankbar. Vielleicht ist es eine besondere Art von Dankbarkeit, wenn jemand ein bisschen lauter wird.”

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Sterben auf der Straße ist einsam. Und passiert nicht nur im Winter.  Wer organisiert die Beerdigung, wer lädt zu einem kleinen Leichenschmaus, wo können sich die Kumpel treffen, die mit dem Verstorbenen auf der Straße gelebt haben? Auch darum kümmern sich die Ehrenamtlichen.  Im April haben die Bahnhofsmissionare vor dem Eingang in der Jebensstraße einen Abschiedsbaum gepflanzt. Für jeden Menschen, der auf der Straße gestorben ist, wird ein kleines Fähnchen mit Name und Nationalität zur Erinnerung an den Baum gehängt.

Die Lebenserwartung obdachloser Menschen liegt rund 30 Jahre unter dem Bevölkerungsdurchschnitt.

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“Wenn hier nur christlich durchgeknallte junge Menschen mit Gitarre in der Hand wären, die nur fromme Lieder singen würden, dann wär das nicht der richtige Platz für mich.” Dieter Puhl, seit 2009 der quirlige Leiter der evangelischen Bahnhofsmission am Zoo, ist ein Mann der klaren Worte. “Der Job in der Bahnhofsmission ist ein Knochenjob. Täglich kommen rund 600 Gäste. 70 Prozent sind stark suchtmittelerkrankt, 60 Prozent psychisch beeinträchtigt oder behindert.” Um 50 Prozent sei die Zahl der Besucher in den vergangenen drei Jahren gestiegen. Mehr Personal gibt es nicht. Sieben feste und zwölf ehrenamtliche Mitarbeiter arbeiten rund um die Uhr. Sieben Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr.

Bild: Katrin Schwahlen

Bahnhofsmission am Zoo: Rettungsanker, Kummerkasten und Hoffnungsschimmer für die Gäste. Neben den Mahlzeiten für hungrige, arme Menschen sorgt die Bahnhofsmission auch für Hilfe beim Ein- und Aussteigen am Bahnsteig, begleitet allein reisende Kinder, berät und vermittelt Hilfesuchende an soziale und psychologische Dienste in der Stadt. Respekt!

24.08.12/Bilder: Katrin Schwahlen

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